Backnanger Kreiszeitung online vom 13.03.2010 |
Wir haben schon genügend Gehirne zugemüllt |
Manfred Spitzer warnte eindringlich vor den Gefahren von Bildschirmmedien – Der führende Gehirnforscher forderte zum Handeln auf |
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„Jetzt weiß ich endlich, was die Glühweinbude und das Klo mit dem Gehirn zu tun haben“, zog Ulrich Schielke am Ende eines kurzweiligen und – trotz ernsten Themas – in weiten Teilen amüsanten Vortrags von Spitzer ein eigenes Fazit. Als Leiter des Gewaltpräventionsprojekt Power ohne Fäuste war er, neben der Stadt Backnang, dem Aktionsbündnis Stiftung gegen Gewalt an Schulen, dem Gesamtelternbeirat und der Gruppe Backnanger Bildungsgespräche sowie der Volkshochschule Backnang, Mitveranstalter des Vortragsabends, den er moderierte und der im Gedenken an die Opfer des Amoklaufs stattfand. Das menschliche Gehir Ähnlich verhalte es sich, auch beim Konsum von Gewaltsendungen im Fernsehen oder Gewaltspielen am Computer. Das einmalige Spielen stelle noch keine Gefahr dar. Aber das ständige Wiederholen, das stundenlange Verharren vor diesen Geräten, davor warnt der Ärztliche Direktor: „Die Dosis macht das Gift“, sagt der Wissenschaftler und bezieht sich auf ältere, aber auch ganz aktuelle Studien. So betrage der durchschnittliche Medienkonsum eines Jugendlichen in Deutschland bereits 5,5 Stunden pro Tag. „Der wird – zeitlich gesehen – nur noch vom Schlaf übertroffen.“ In den USA, so neueste Erkenntnisse, würden Jugendliche sogar im Durchschnitt 8,5 Stunden pro Tag vor den Kisten sitzen. Auf Rang zwei käme der Schlaf und die Schule mit 4 Stunden liege noch weit dahinter. In der eigenen Familie hat Spitzer gehandelt. Kein Fernsehen mehr. Der wurde weggesperrt. Zunächst gab es Gemaule bei den Kindern. Aber heute, so der sechsfache Familienvater, seien ihm seine Kinder dankbar, er hätte es richtig gemacht. Beim Computer sei er etwas laxer gewesen, habe nur das Spielen verboten. Denn aus seiner jahrelangen Forschungstätigkeit und von den Hirnforscher-Kongressen, bei denen in Amerika jedes Jahr 30000 bis 40000 Wissenschaftler zusammenkommen, weiß er, welche Gefahr hinter dem Marathon-Konsum von Bildschirmmedien steckt. Denn Gewalt ist im Kinderfernsehen und Nachrichtensendungen bereits weitverbreitet. Die eindeutige Erkenntnis: Gewalt stumpft ab. „Ich will nicht, dass meine Enkel in 20 Jahren zu mir kommen und mir vorwerfen: Opa, du hast doch alles gewusst. Warum hast du nichts gemacht?“, sagt der Psychiater. Deswegen stehe er jetzt hier, aus diesem Grund sei er gerne gekommen, um wach zu rütteln und zum Handeln aufzufordern. Spitzer: „Wir haben schon genügend Gehirne zugemüllt.“ |