Gute Bildung gebe es nicht zum Nulltarif, sagt Hans-Eckhard Giebel
vom Landesphilologenverband

Jeder Schultag ist auch ein Lehrertag, findet Hans-Eckhard Giebel aus Weissach im Tal. Der Pressesprecher des Philologenverbands Baden-Württemberg, der selbst 36 Jahre als Lehrer gearbeitet hat, weiß nur zu gut um das schlechte Image der Lehrer undwünscht sich mehr Unterstützung und Respekt.

Wieso muss es einen Weltlehrertag geben? Eigentlich müsste eskeinen geben, denn jeder Schultag auf der ganzen Welt ist auch ein Lehrertag. Für die sehr anspruchsvolle Arbeit der Lehrer wünsche ich mir mehr Respekt und Anerkennung sowie Verständnis und Unterstützung. Gute Bildung setzt gute schulische Rahmenbedingungen voraus, die nicht zum Nulltarif zu haben sind. Der Lehrerberuf hat mehr Anerkennung verdient, auch um guten Lehrernachwuchs zu gewinnen.

Wie lockt man fähige Leute in den Beruf? Wenn man die besten Leute imLehrerberuf haben will, muss auch das Gehalt stimmen, das sich an Gehältern vergleichbarer Berufe in der Wirtschaft orientieren sollte. Wichtig ist auch die Verbesserung der Arbeitszufriedenheit durch einen Wechsel von Belastung und Erholung sowie ein professionelles Führungsmanagement. Ein Lehrerzimmer mit 70 Kollegen, zehn Referendaren und Praktikanten als Pausenrückzugsraum und 70 Zentimeter langen Tischen mit wenig Platz für Ablagen der Unterrichtsmaterialien sind nicht geeignet, um das Image dieses Berufs zu verbessern.

Gerhard Schröder hat Lehrer einmal als „faule Säcke" bezeichnet. Wie erklären Sie sich das schlechte Image von Lehrern? Das Berufsbild des Lehrers wird als bequemer Halbtagsjob mit großen Ferienabschnitten gesehen. Mit einer derartig pauschal diskriminierenden Wortwahl wird ein teils jahrzehntelang an den Kräften und Nerven zehrendes starkes Engagement einer Lehrermehrheit auf Stammtischniveau herabgewürdigt. Auch das „Lehrerhasserbuch" und Internetforen, auf denen Lehrer diffamiert werden, sind nicht geeignet, deren Motivation und Image zu verbessern. Wichtig ist, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass die Arbeit des Lehrers nicht mit dem Unterricht endet. Korrekturen und die Vorbereitung für eine professionelle Stoffvermittlung folgen zeitaufwendig im häuslichen Arbeitszimmer, das nicht einmal steuerlich absetzbar ist.

Inwiefern haben sich der Beruf und die Anforderungen im Laufe der Zeit gewandelt. Wie viel Erziehungsarbeit müssen Lehrer heute leisten?
Das Lehrerberufsbild hat sich stark verändert. Lehrplanreformen, neue Bildungspläne, die Erstellung von Schulcurricula, die gymnasiale Schulzeitverkürzung, Präsentationsprüfungen, aber auch Arbeitszeiterhöhungen, Unterricht in Klassen mit mehr als 30 Schülern mit zum Teil großen Leistungs- und Begabungsunterschieden und Mehrarbeit durch Lehrermangel haben den Schulbetrieb nicht leichter gemacht. Erschwerend wirken eine veränderte Arbeitswelt mit höherem Mobilitätsanspruch und Änderungen bei den familiären Strukturen. Zugenommen haben Verhaltensauffälligkeiten und Erziehungsdefizite sowie die negativen Einflüsse durch teils suchtartig genutzte Medien. Schulische Erziehungsarbeit bedeutet auch, Grenzen zu setzen. Das erfordert einige Kraft und Ausdauer von den Lehrern, aber auch Mut, sich gelegentlich mal unbeliebt zu machen. Lehrer können diese Arbeit nur leisten, wenn sie von Elternhaus und Behörde unterstützt werden.

Wie haben sich die Schüler im Laufe der Jahre verändert?
Schüler haben sich immer unterschieden. Das gilt für ihr Begabungspotenzial wie für ihre Leistungsbereitschaft. Auffällig sind bei Schülern aller Schularten eine zunehmende Wohlstandsverwahrlosung und mangelnde Bereitschaft, eigenes Fehlverhalten einzusehen und zu korrigieren. Die Schuld wird zuerst beim Lehrer gesucht. Schüler mobben sich untereinander, verhalten sich respektlos gegenüber Erwachsenen, die ihre Vorbildfunktion leider auch nicht immer wahrnehmen. Viele Schüler bringen sich aber engagiert ins Schulleben ein - als Streitschlichter und Patenschüler, als Klassen- und Schulsprecher.

Lehrern wird oft ein mangeln­der Praxisbezug vorgeworfen...
Unterricht ohne Praxisbezug, das gilt besonders für die naturwissenschaftlichen Fächer, ist an den Gymnasien nicht denkbar. Ich gebe aber zu, dass diejenigen, die den Lehrerberuf ergreifen wollen, die Berufswelt auch hautnah erfahren haben sollten. Das gilt übrigens auch für Politiker, die über schulische Entwicklungsprozesse zu entscheiden haben.