Ist das Internet ein besserer Lehrer? Brauchen wir nicht eher Schulen in Afghanistan als Soldaten? Und sind Profisportier wie David Beckham und Tiger Woods bedeutender als Shakespeare? Diese und ähnliche Fragen beschäftigten vergangene Woche 110 Schüler aus zwölf Ländern bei der 13. Europäischen Meisterschaft im Schülerdebattieren. Das Finale bestritten am Freitagnachmittag die Nationalteams aus Südkorea und der Niederlande am Max-Born-Gymnasium Backnang.

„Alle Menschen brauchen einen freien Zugang zu Informationen. Nur dann sind die Menschenrechte erfüllt, nur dann gibt es Gerechtigkeit. Das müssen Staaten anerkennen", stellt der junge Koreaner energisch fest. Sofort hagelt es Einwände. „Wie soll das denn gehen?", will der Niederländer von der Gegenseite wissen. „Brauchen die armen Menschen dieser Welt nicht eher Schutz und Nahrung und einen stabilen Staat, der dafür sorgt?" „Einen Staat, der Menschen unterdrückt, braucht niemand", kommt prompt die Antwort des Koreaners. Weiteren Protest lässt er zu diesem Punkt nicht zu. Schließlich ist das seine Redezeit. Acht Minuten hat er, das Publikum und die Wertungsrichter vom Standpunkt seines Teams zu überzeugen. Acht Minuten darzulegen, warum es notwendig ist, jegliche Art von Mauern einzureißen. Denn das ist das anspruchsvolle Thema der Debatte. Nicht nur echte Mauern wie die Berliner Mauer, sondern auch virtuelle, wie Informationsblockaden. Hitzig wird weiterdebattiert. Die Zuhörer fiebern mit. Der Musiksaal des MBG ist restlos besetzt.

Ganze 26 Teams waren zur 13. Stuttgart European Debating Week angereist. Neben den zwölf Nationalteams nahmen Schulteams aus Sachsen, Ulm, Schwäbisch Gmünd, Stuttgart, Waiblingen, Winnenden und Backnang an dem Schulwettbewerb teil. Entscheidend sind dabei nicht etwa die jeweiligen Englischkenntnisse. Vielmehr kommt es auf Argumente, Rhetorik, Taktik und Teamarbeit an. Debattiert wurde jeden Tag an einem anderen der teilnehmenden Gymnasien, zuletzt am MBG. „Es ist toll, dass wir die Ehre haben, das Finale eines so großen Wettbewerbs an. unserer Schule auszutragen", so David Whitehead, Englischlehrer am MBG und Mitorganisator des gesamten Wettbewerbs. Und in der Tat: Mit Schülergruppen aus Südkorea, Kanada, der Türkei und Israel sprengt er schon fast den Rahmen einer Europameisterschaft. Für Angelika Höness, Vorsitzende des Vereins Debating Society Deutschland und Veranstalterin, ein Grund zur Freude: „Wir sind sehr stolz, dass es dieses Jahr wirklich ein internationaler Wettbewerb geworden ist. Das ist eine Bereicherung für jeden einzelnen hier." Backnangs Oberbürgermeister Frank Nopper hatte den Vorsitz der Debatte am MBG übernommen und führte durchs Finale.

Während die Schüler aus Südkorea und der Niederlande im Musiksaal noch um den EM-Titel kämpfen, stehen die übrigen Plätze schon fest. Für die große Überraschung des Wettbewerbs sorgten die neun Debater des Max-Born-Gymnasiums. Als einzigem deutschsprachigen Team gelang ihnen der Einzug ins Viertelfinale. Noch nie zuvor hatte es ein Schulteam bei einem internationalen Wettbewerb so weit gebracht. Dort mussten sich die Oberstufenschüler Dominic Weller, Christian Steck und Vivian Schreier dem kanadischen Nationalteam geschlagen geben, wenn auch nur knapp. „Wir sind begeistert von unserer Leistung", so die Schüler. Ihre Betreuer Birgit Trefz und Christopher Sanchez, beides MBG-Lehrer, können dem nur beipflichten: „Es ist keine Schande gegen Muttersprachler zu verlieren. Wir sind mächtig stolz." In der Gesamtwertung schaffte es das MBG-Team damit auf den 5. Platz hinter Kanada. Dritter wurde das koreanische Zweitteam. Das deutsche Nationalteam mit der MBG-Schülerin Dilek Sevinc wurde Zwölfter.

Nach eineinhalb Stunden Debatte sind auch beim Finale alle Argumente ausgetauscht, die Standpunkte beider Teams dargelegt. Jetzt kommt es auf das Urteil der sieben Wertungsrichter an. Und die machen es spannend: „Es ist knapp, sehr knapp. Heute entscheidet nur eine Stimme über Sieg oder Niederlage." Alle warten gespannt. „Es gewinnt Team Südkorea." Im ganzen Saal bricht Jubel aus. Gut, dass die anschließende Party nur ein Stockwerk tiefer stattfindet.

 

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