„Ein Streitschlichtungsgespräch ist zum Beispiel dann notwendig, wenn zwei Schüler in einem eskalierenden Konflikt nicht mehr weiter wissen und sich gegenseitig beschuldigen“, sagt Beratungslehrerin Schweigert-Ballheimer mit dem Hinweis, dass sich streitende Schüler entweder aus eigenem Antrieb an ihre Streitschlichter wenden oder (was mitunter nötig sei) auch mit sanftem Druck von Seiten eines Lehrers auf Alternativen der Konfliktlösung mit Streitschlichtern hingewiesen werden.
Wie sieht die Streitschlichtung in der Praxis aus? Im Streitschlichtungsgespräch erläutern die Schlichter den Konfliktparteien zuerst einmal die für den Erfolg eines Gesprächs wichtigen Regeln. Dazu gehört, dass die Betroffenen sich gegenseitig ausreden lassen und sich nicht beschimpfen. In aller Ruhe wird also zunächst der Sachverhalt geklärt; jeder berichtet aus seiner Sicht den Ablauf des Konflikts. „Dabei sollte der jeweilige Kontrahent auch über seine Motive und Gefühle sprechen, um dem Anderen die Möglichkeit zu geben, sich in dessen Gefühlslage hineinzuversetzen“, erklärt Schweigert-Ballheimer das Verfahren zu Beginn einer Sitzung mit zwei Streithähnen und fügt hinzu: „Dies ist eine wesentliche Voraussetzung zur erfolgreichen Lösung des Konflikts, weil beide Parteien nur auf dem Weg des gegenseitigen Respekts und des wechselseitigen Verständnisses zu einer friedlichen, von beiden Seiten akzeptierten Vereinbarung gelangen.“
Der Streitschlichter fasst danach die Argumente der Kontrahenten zusammen und versucht mit beiden die jeweiligen Anteile am Konflikt herauszuarbeiten. Beide Parteien sollen sich in einem nächsten Schritt Lösungsmöglichkeiten überlegen, diese notieren und vortragen. Die Vorschläge werden gemeinsam bewertet und unter der Anleitung des Streitschlichters in eine Form gebracht, die von beiden Parteien akzeptiert werden kann. Die danach getroffene Vereinbarung, die eine mögliche Lösung des Konflikts beinhaltet, wird von beiden Kontrahenten unterschrieben. Schweigert-Ballheimer: „Es wird versucht zu regeln, wer was tun muss, um den Konflikt beizulegen.“
Eine ganz wichtige Voraussetzung dafür, dass das Modell im Schulalltag funktioniert, ist, dass die Unterstufenschüler ihre Streitschlichter kennen und eine gute Vertrauensbasis zu ihnen besteht. Deshalb sind die Streitschlichter der neuen Fünfer auch Patenschüler für „ihre“ Klassen. Auch in den Klassenstufen 6 und 7 stellen die Streitschlichter sich zu Anfang des Schuljahres persönlich vor und suchen regelmäßig den Kontakt zur Klasse und zum Klassenlehrer.
Wie Beratungslehrerin Schweigert-Ballheimer feststellt, konnten seit der Einführung des Streitschlichter-Modells am Max-Born-Gymnasium schon eine Reihe schwelender Konflikte auf diese Weise noch vor ihrer Eskalation friedlich beigelegt werden.
„Alle Beteiligten, sowohl die Konfliktparteien als auch die Streitschlichter, profitieren letztendlich voneinander, indem sie lernen, gemeinsam friedliche Konfliktstrategien zu entwickeln und dabei die so wichtige Sozialkompetenz für den Umgang mit anderen Menschen zu erwerben.“ Auch die Streitschlichter selbst äußern sich positiv über die diese Art der Konfliktbewältigung an der Schule. Die ehemaligen Streitschlichter Anna Voelske und Caroline Nguyen berichten beispielsweise, dass sie ihre Klasse einmal in der Woche besuchten, um eine ständige (direkte sowie indirekte) Präsenz und Ansprechbarkeit zu gewährleisten. Dazu gehörten beispielsweise auch regelmäßige Gesprächsrunden mit der gesamten Klasse und monatliche Treffen des gesamten Streitschlichtungsteams. „Seit 2004 gibt es sogar Streitschlichterkongresse“, berichten die beiden ehemaligen MBG-Schülerinnen, „welche regelmäßig stattfinden und die Möglichkeit bieten, sich mit Streitschlichtern aus unterschiedlichsten Schulen des gesamten Rems-Murr-Kreises auszutauschen.“
Mit einer schon vor einigen Jahren am Max-Born-Gymnasium durchgeführten Umfrage konnten sich Streitschlichter ein genaueres Bild davon machen, wie ausgeprägt „Gewalt durch Sprache“ im Alltagsleben der Unterstufenschüler ist. Überraschend sei gewesen, dass die oft als „doch so harmlos“ bezeichnete verbale Gewalt „häufig“ vorkomme und als sehr verletzend und schlimm empfunden werde.
Mit einem offiziellen Zertifikat endet übrigens für die MBG-Streitschlichter ihre Mediatorenlaufbahn an der Schule, die feststellen: „Das bedeutet allerdings nicht, dass wir von nun an einen anderen Weg nehmen werden! Denn genau wie die Unterstufenschüler lernen auch wir alternative Reaktionen auf Situationen kennen, die uns tagtäglich begegnen – und genau jenen Weg zwischen Diplomatie und Verteidigung sowie eine gewisse Sensibilisierung für dieses Thema versuchen wir in der Streitschlichtung zu finden.“